Dies ist die Zusammenfassung eines Vortrages, den ich Ende 2000 vor der Diabetes-Selbsthilfegruppe Bad Zwischenahns hielt.

Neue Insuline zur Behandlung der Zuckerkrankheit

Was ist Insulin? Eine kurze Einführung:

Insulin ist ein körpereigener Stoff aus der Gruppe der Eiweiße. Eiweiße bestehen aus einzelnen Bausteinen, den Aminosäuren, und die Reihenfolge der Aminosäuren bestimmen die Eigenschaften und Wirkungen des Insulins.

Insulin ist ein Botenstoff im Körper, ein Hormon, mit verschiedenen Wirkungen.

Es wird von besonderen Zellen der Bauchspeicheldrüse gebildet und steuert unter anderem den Übertritt von Zucker aus dem Blut in Muskel- und Fettzellen.
Es fördert die Eiweißherstellung in der Leber und die Fettbildung in den Fettzellen.
Neben der Steuerung des Zuckerhaushaltes hat Insulin unter anderem auch wachstumsfördernde Eigenschaften.

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Der Unterschied zwischen Basal- und Normalinsulin

Normalinsulin (auch Altinsulin genannt) wirkt rasch, seine Wirkung klingt aber auch relativ rasch wieder ab.

Basalinsulin (auch Verzögerungsinsulin genannt) kommt langsam zur Wirkung und wirkt länger (typischerweise um 12 Stunden). Als Verzögerungsinsulin hat sich NPH-Insulin durchgesetzt (NPH = Neutral-Protamin-Hagedorn, Insulin-Protamin-Kristalle in neutralem pH Bereich). NPH-Insulin kann mit Normalinsulin stabil gemischt werden.

Übliche Mischinsuline zur Behandlung vor allem des sogenannten Typ II Diabetes bestehen aus 30% Normalinsulin und 70% Verzögerungsinsulin.

Weil diese Mischinsuline Kristalle beinhalten, sind die Lösungen trübe und müssen vor dem spritzen unbedingt geschüttelt werden.

Daneben gibt es noch besonders lang wirkende Insuline, die an Zinkchlorid gebunden sind und bis zu 24 Stunden Wirkdauer haben.

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neue kurzwirksame Insuline: Insulin-Aspart (NovoRapid®) und Lispro (Humalog®)

Durch Veränderung einzelner Bausteine des Insulinmoleküls ist es gelungen, die Aufnahme des Insulins aus der Spritzstelle in das Blut zu beschleunigen.

Normales Insulin neigt dazu, sich in 6er Gruppen zusammenzulagern. Diese 6er Gruppen müssen erst auseinanderfallen, bevor das Insulin wirken kann.

Sowohl das Insulin Aspart als auch Lispro bilden nicht diese 6er Gruppen und können daher schneller wirken.

Die Veränderung an der Molekülstruktur führt aber auch dazu, daß sich diese Insuline etwas anders an die natürlichen Bindungsstellen im Körper anlagern.

So bindet z.B. Lispro etwa 1,5 fach stärker an den IGF1-Rezeptor (Insulin like Growthfactor 1 = insulinähnlicher Wachstumsfaktor 1). Aus prinzipiellen Erwägungen heraus ist daher die Anwendung von veränderten Insulinen während der Schwangerschaft nicht zugelassen.

Die möglichen Vorteile dieser neuen kurzwirksamen Insuline ist die etwas bessere Steuerbarkeit der Insulinmenge zum jeweiligen Essen. Es muß kein Spritz-Ess-Abstand eingehalten werden und der Diabetiker kann dadurch flexibler seinen Tagesablauf steuern.

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neues langwirkendes Insulin: Insulin glargin (Lantus®)

Auch bei diesem Insulin wurden einzelne Bausteine des Insulinmoleküls verändert, diesmal aber mit dem Ziel, die schon oben erwähnte 6er Bindung zu verstärken, damit das Insulin sehr langsam und gleichmäßig freigesetzt wird.

Insulin glargin ist eine klare Lösung und muß deshalb vor dem Spritzen nicht erst geschüttelt werden. Erst im Unterhautgewebe verklumpt dann das Insulin sehr schnell und wird danach nur sehr langsam wieder frei.

Der Vorteil dieses neuen Insulins ist die lange Wirkdauer (meist über 24 Stunden) und vor allem die gleichmäßige Freisetzung. Bei den konventionellen Verzögerungsinsulinen ist die Wirkung in den ersten Stunden nach der Injektion deutlich stärker als später, und das muß der Diabetiker unter Umständen abends z.B. mit einer Spätmahlzeit ausgleichen.

Dieses Insulin dient also der Grundversorgung des Körpers, es ist nicht zur Deckung des Insulinbedarfs nach dem Essen gedacht. Vor allem Patienten, die trotz mehrfacher Gabe von Verzögerungsinsulin morgendliche hohe Blutzuckerwerte haben, können von diesem Insulin profitieren. Es bietet sich vor allem für die Kombination mit schnell wirksamem Insulin zu den Mahlzeiten an.

Insulin glargin hat eine etwa 6-8 fach höhere IGF1-Rezeptorbindungsstärke und eine etwa 7,8 fach höhere Zellteilungsförderung (Mitogenität) als natürliches Insulin.

Es gibt ein nicht auf den Markt gekommenes Insulin-Analogon (B10Asp = X10), das eine 9,8 fach höhere Zellteilungsförderung als körpereigenes Insulin aufwies und im Tierversuch zu erhöhten Krebsraten führte.

Zumindest theoretisch ist deshalb nicht ausgeschlossen, daß Insulin glargin einen gewissen tumorfördernden Effekt oder einen Wachstumsfördernden Effekt auf die Augengefäße hat. Erst die längere Anwendung und Beobachtung dieses Medikamentes wird diese Unsicherheit beseitigen helfen.
Manche Patienten berichten, daß dieses Insulin beim Spritzen schmerzhaft ist (ein Grund könnte der Säuregrad der klaren Lösung sein).

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Zusammenfassung

Die neuen Insuline stellen eine Bereicherung der Möglichkeiten der Behandlung der Zuckerkrankheit dar.

Die kurz wirksamen Insuline erlauben eine größere Flexibilität im Tagesablauf und das langwirksame Insulin kann morgendliche Blutzuckerspitzen senken helfen und erspart dem Patienten die mehrfache Injektion von Verzögerungsinsulin.

Wie bei allen neuen Medikamenten können sichere Aussagen zu Verträglichkeit und Nebenwirkungen erst nach längerer Anwendung gemacht werden.

Im Zeitalter begrenzter finanzieller Mittel im Gesundheitswesen müssen auch die Kosten für Medikamente berücksichtigt werden: 10 Ampullen der neuen Insuline kosten 162 Euro, konventionelle Insuline kosten 105 Euro, d.h. die Behandlung verteuert sich um ca. 35% bis 70% (bei Verwendung beider neuen Insulintypen) bzw. um ca. 0,5-1 Euro pro Tag (bei 40E/Tag).

In Niedersachsen stehen für Medikamente durchschnittlich pro Tag 1,21 Euro für Rentner und 36 Cent für Mitglieder der gesetzlichen Krankenkassen zur Verfügung.

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